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Eine besondere „Geburtstagsfeier“ wurde in Heubachs ehemaliger Synagoge gefeiert

Eine besondere „Geburtstagsfeier“ wurde jetzt in Heubachs ehemaliger Synagoge gefeiert: Dort wurden Auszüge aus den Lebenserinnerungen des Fuldaer Lehrers Alfred Büttner vorgestellt – genau an dem Tag, an dem dieser 95 Jahre alt geworden wäre. An diesem Abend erinnerte so der Sohn des Autors, Stephan Büttner, an den Jubilar und gewährte einer großen Zuhörerschar Einblick in das Leben eines Menschen, der wohl mit größerer Bewusstheit und Nachdenklichkeit als manch anderer die heraufkommende Nazi-Zeit und die Kriegsjahre durchlebt hatte. Alfred Büttner hatte sich nach seinem 70. Geburtstag die Mühe gemacht, seine Erinnerungen an jene Jahre aufzuschreiben. Er starb 2013. Aufgewachsen war Büttner in der Kapuzinerstraße, gleich neben der „Judenschule“, dem heutigen jüdischen Gemeindezentrum Fuldas. So kamen ganz automatisch Erinnerungen an das durchaus auch von Vorbehalten, aber auch von viel Normalität geprägte Miteinander mit den jüdischen Nachbarn in den Text. So erinnerte er sich an die Gebräuche der Juden am „Schabbes“, dem Sabbat, und zum Laubhüttenfest Aber auch an die zunehmende Ausgrenzung: Mitte der 1930er Jahre wuchs der Druck auf die jüdischen Nachbarn, von denen nicht wenige früh aus Fulda weg zogen, ihre Geschäfte schlossen und auswanderten. Vom Abend der Pogromnacht 1938 notierte er, dass eine ganz von der NS-Propaganda erfüllte Frau den damals 14-Jährigen und seine Freunde aufhetzen wollte, bei jüdischen Geschäften die Scheiben einzuwerfen.

1942 – mit dem „Kriegsabitur“ in der Tasche, wurde Alfred Büttner zur Flak eingezogen und musste mit ansehen, wie der Widerschein des brennenden Fulda bis zu seinem Beobachterposten an seinem Dienstort Gotha zu sehen war. Er kehrte, wie seine beiden älteren Brüder, die ebenfalls eingezogen waren, 1945 körperlich unversehrt aus dem Krieg heim. Das Erlebte ließ ihn zum Pazifisten werden, der seine Söhne dazu erzog, keine Waffe in die Hand zu nehmen. Eine besonders tragische Episode berichtete Alfred Büttner von einem Onkel namens Hugo Berkessel. Dieser, Beamter bei der Reichsbahn, lebte in Frankfurt am Main und war mit der aus Wüstensachsen stammenden Jüdin Erna Weinberger verheiratet. Er wurde vor die Wahl gestellt, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und Beamter zu bleiben – oder aus dem Dienst auszuscheiden. Hugo Berkessel hielt seiner jüdischen Frau die Treue und schaffte es irgendwie, mit ihr die letzten Kriegsjahre irgendwo in einer Gartensiedlung zu überleben. Doch kurz nach Kriegsende wurde er von einer Gruppe marodierend ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, die in die Wohnung der Eheleute eindrangen, erschossen – aus Rache an eben den Nazis, vor deren Brutalität er seine jüdische Frau bewahrt hatte.

Erst in der Vorbereitung des Vortrags, so berichtete Stephan Büttner, hatte er dank der mit den Verhältnissen der jüdischen Gemeinde Wüstensachsens vertrauten Inge Hohmann herausgefunden, wie diese jüdische Großtante hieß. Hohmann ergänzte die Ausführungen mit interessanten Details zu den Wüstensachsener Juden und der Familie Weinberger.

Der Förderverein der Landsynagoge Heubach hatte zu diesem Abend eingeladen. Vorsitzender Hartmut Zimmermann dankte Büttner für dessen nachdenkliche machende Ausführungen. Mit intensiven Nachgesprächen und einem kleinen „Geburtstagsumtrunk“ klang dieser Abend aus.



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