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Gedanken zur Zeit, zum Leben und zum Sterben: Palliativteam berührt mit Lesung aus Robert Seethalers Roman „Das Feld“ im Getürms

Die Stimmung in und um das Getürms in Billertshausen war besonders an diesem Freitagabend. Eingehüllt in kalten Abendnebel lag das Kirchlein mit seinem Friedhof auf seinem Hügel, im Inneren war es warm und es duftete nach Punsch und Plätzchen. Vor dem Altar schien ein kleiner Park entstanden zu sein, eine Bank stand da neben einer Birke, auf einem Laubboden, beschienen von einem weichen Licht.

Am dieser Szenerie erfreuten sich viele Gäste, die in den Bänken und auf der Empore Platz nahmen, um einer Lesung zu lauschen, die wohl nirgends so gut hinpasste wie an diesen Ort: Wenn die Toten auf ihr Leben blicken könnten, wovon würden sie erzählen? Dieser Frage ist der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Robert Seethaler in seinem Roman „Das Feld“ nachgegangen, und die Frage „Was bleibt von einem Leben?“ passt wohl zu niemandem so gut wie zu Menschen, die andere auf ihrem letzten Weg begleiteten. Das Alsfelder Palliativteam hatte sich diesen Roman zum Abschluss einer kleinen Veranstaltungsreihe für seinen ersten großen Geburtstag ausgesucht. Seit zehn Jahren betreuen fünf Ärzte, sechs Pflegekräfte und eine Physiotherapeutin – alle mit einer palliativmedizinischen Weiterbildung – als Teil des Palliativnetzes Waldhessen die Menschen im westlichen Vogelsbergkreis. Sie stehen unheilbar Kranken bei und sind Ansprechpartner für deren Familien. Der Leiter des Palliativteams Ralf-Michael Wagner freute sich, dass so viele Menschen der Einladung gefolgt waren – aus Verbundenheit zu der Arbeit seines Teams, aus Interesse an der Veranstaltung. Er nutzte seine Ansprache auch, um sich bei allen Kolleginnen und Kollegin für ihr Tun zu bedanken. Auch der Kirchengemeinde Billertshausen galt sein Dank für die Bereitstellung der Kirche.

Hier nun schritten die Vorlesenden zur Tat. Aegidius Kluth war der erste von ihnen, er führte in die Geschichte ein und stellte einen alten Mann vor, der – in Gestalt des Vorlesers und Schauspielers Helmut Hampel – auf der Bank Platz nahm, sich dort seine Einsamkeit vertrieb und glaubte, die Stimmen der Toten zu hören. Er kannte viele der Toten aus Paulstadt, erinnerte sich daran, wie aus einem unbrauchbaren Acker das Totenfeld wurde. Was würden sie wohl erzählen, was würde von ihrem Leben bleiben, fragte er sich. „Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte“, heißt es bei Seethaler, der sodann 29 Verstorbene zu Wort kommen lässt, am Ende den Mann vom Anfang selbst.

Im Getürms verliehen die Vorlesenden vier von ihnen ihre Stimmen: Ursula Gehrke, Susanne Botthof-Schlitt und Helmut Hampel. Musikalisch eingerahmt wurden die Beiträge von Ulrike Clement am Klavier und Dr. Jochen Müller an der Gitarre. Die Musiker unterstrichen die Rückblicke der Toten und trugen auf ganz besondere Weise zu der Stimmung im Getürms bei. Die drei Vorlesenden lasen hinter dem Altar sitzend, mit dem Rücken zum Publikum, vielleicht weil der Vorredner, der Mann auf der Bank, die Meinung geäußert hatte, dass man nur „mit dem Rücken zur Welt“ ein Gedanke zu Ende denken könne. Aegidius Kluth entzündete für jeden Menschen, der nun zu Wort kam, eine Grabeskerze, die erste für Hanna Heim. Im Mittelpunkt ihrer Erinnerungen steht die Liebe zu ihrem Mann, der ihre Hand hielt – ein ganzes Leben lang und auch in der letzten Stunde. Die zweite Kerze ist für K.P. Lindow. Er lässt sein ganzes Leben Revue passieren. Auf fünf Seiten. Von der Kindheit über die große Liebe bis zum Tod. Wortkarg, knapp. Man glaubt ihm, dass er am Ende mehr mit Tieren gesprochen haben mochte als mit Menschen. Lakonisch blickt er auf das Alter: Zähne fallen aus wie Verräter, den verbleibenden sieben will er Namen geben. Bis der Tod kommt wie ein Wind…

Susanne Tessler bekommt die dritte Kerze. Sie verbringt ihre letzten Tage in einem Sanatorium, wo sie die „Teilzeit-Enthusiastin“ Henriette kennenlernt, die ihren Nachnamen abgegeben hat und von Gegenständen, die man anhäuft, vom „Gerümpel des Lebens“ spricht. Tumorpatientinnen sind beide, dem Tod geweiht. Sie sterben kurz hintereinander, die eine wird von der anderen erzählen und bekennen, dass diese kleine alte Frau, die in Wirklichkeit jünger war als sie selbst und die sie nur siebenundsechzig Tage kannte, ihre beste Freundin war. Die vorletzte Kerze geht an Hannes Dixon, ein lauter, polternder Mann, der mit der Inschrift auf seinem Grab hadert und die größten Headlines aus seinem Leben als Lokaljournalist zitiert. Leiser werden seine Töne, als er von seiner Kindheit erzählt, geprägt vom sogenannten Heldentod des Vaters und der Liebe seiner Mutter, die er hofft, stolz gemacht zu haben mit seinem Leben und seiner Arbeit. Am Ende seines Rückblicks steht ein Wunsch: „Ich wünschte, ich hätte nichts zu bereuen.“
Die letzte Kerze schließlich stellte Aegidius Kluth auf die Bank, dorthin wo am Anfang der Mann saß. Nun ist er selbst gestorben. Sein Name ist Harry Stevens.

Tief berührt waren die Gäste im Getürms vom Inhalt und der Darbietung des Gehörten. Die Geschichten regten natürlich zum Nachdenken an, über die Menschen in Seethalers Buch genauso wie über das eigenen Leben und den Tod. Passend zum Ewigkeitssonntag und passend zum Thema des engagierten Palliativteams, dessen Blick auf das Leben und Tod sicher ein ganz besonderer ist.



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